Achtsamkeitsbasiertes Rückfallpräventionstraining

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Rückfälle sind ein häufiges Problem bei der Behandlung von Suchterkrankungen, Essstörungen und anderen Verhaltensweisen, die mit starken Gewohnheiten und emotionalen Mustern verknüpft sind. Achtsamkeitsbasiertes Rückfallpräventionstraining (Mindfulness-Based Relapse Prevention, MBRP) ist ein innovativer Ansatz, der traditionelle Rückfallprävention mit Achtsamkeitspraktiken kombiniert.  

Dieser Ansatz wurde entwickelt, um Menschen dabei zu helfen, automatisierte, impulsive Reaktionen auf Stress oder emotionale Auslöser zu erkennen und bewusstere Entscheidungen zu treffen. Durch Achtsamkeitstechniken lernen Betroffene, aufkommende Impulse wahrzunehmen, ohne ihnen sofort nachzugeben – eine Fähigkeit, die in entscheidenden Momenten vor einem Rückfall schützen kann.  

Grundlagen der Rückfallprävention  

Warum treten Rückfälle auf?  

Rückfälle sind oft nicht die Folge eines einzelnen Moments der Schwäche, sondern das Endprodukt eines schleichenden Prozesses. Zu den häufigsten Rückfallauslösern gehören:  

  • Stress und emotionale Belastung: Stressreaktionen können dazu führen, dass Menschen zu alten Gewohnheiten zurückkehren.  
  • Negative Gedankenmuster: Selbstzweifel oder Schuldgefühle verstärken die Anfälligkeit für einen Rückfall.  
  • Soziale und situative Reize: Bestimmte Orte, Menschen oder Gewohnheiten können unbewusst mit früherem Verhalten verknüpft sein.  
  • Übermäßiges Vertrauen in die eigene Kontrolle: „Ich habe es im Griff“ kann dazu führen, dass Warnsignale übersehen werden.  

Konventionelle Rückfallprävention vs. achtsamkeitsbasierte Rückfallprävention  

Traditionelle Rückfallprävention basiert häufig auf kognitiven Verhaltenstechniken. Dabei geht es darum, Auslöser zu identifizieren, alternative Verhaltensweisen zu entwickeln und Strategien zur Impulskontrolle zu erlernen.  

Achtsamkeitsbasierte Rückfallprävention geht einen Schritt weiter: Sie hilft Menschen, den Moment des Verlangens bewusst wahrzunehmen, ohne sich mit ihm zu identifizieren oder sofort darauf zu reagieren.  

Das Konzept der Achtsamkeit in der Rückfallprävention  

Was ist Achtsamkeit?  

Achtsamkeit bedeutet, den gegenwärtigen Moment bewusst wahrzunehmen – ohne zu bewerten oder impulsiv zu reagieren. Sie basiert auf folgenden Prinzipien:  

  • Präsenz im Hier und Jetzt: Gedanken, Emotionen und körperliche Empfindungen bewusst wahrnehmen.  
  • Akzeptanz statt Vermeidung: Gefühle und Gedanken zulassen, ohne sie zu verdrängen oder zu bekämpfen.  
  • Nicht-Identifikation mit Impulsen: Gedanken oder Verlangen als vorübergehende Erscheinungen betrachten, nicht als Befehle zum Handeln.  

Wie hilft Achtsamkeit bei der Rückfallprävention?  

Achtsamkeit unterbricht den „Autopilot-Modus“, der oft zu impulsiven Handlungen führt. Statt reflexartig auf Stress oder negative Emotionen zu reagieren, lernen Betroffene, einen bewussten Moment der Reflexion einzubauen.  

Beispiel:  
Eine Person mit früherem Alkoholmissbrauch erlebt einen stressigen Arbeitstag. Ohne Achtsamkeit könnte der automatische Gedanke lauten: „Ich brauche jetzt ein Bier, um mich zu entspannen.“ Durch achtsamkeitsbasierte Techniken kann sie jedoch innehalten, den Impuls bewusst wahrnehmen und sich für eine gesündere Strategie entscheiden.  

Methoden des achtsamkeitsbasierten Rückfallpräventionstrainings  

1. Body Scan – Körperliche Empfindungen bewusst wahrnehmen  

Beim Body Scan wird der gesamte Körper systematisch durch mentale Aufmerksamkeit gescannt. Dabei lernen Betroffene, körperliche Spannungen oder Unruhe frühzeitig zu erkennen, bevor sie sich in impulsivem Verhalten äußern.  

Nutzen:  

  • Erhöht die Selbstwahrnehmung von Stress oder Verlangen.  
  • Hilft, frühzeitige Rückfall-Signale zu erkennen.  
  • Fördert Gelassenheit durch bewusste Körperwahrnehmung.
  •  

2. Atemtechniken zur Beruhigung  

Ein zentraler Bestandteil der Achtsamkeit ist der Atem. Durch achtsames Atmen kann ein Moment der Klarheit geschaffen werden, bevor impulsives Verhalten einsetzt.  

Techniken:  

  • 4-7-8-Methode: 4 Sekunden einatmen, 7 Sekunden halten, 8 Sekunden ausatmen.  
  • Zählen der Atemzüge: Fokus auf das Ein- und Ausatmen, um den Geist zu beruhigen.  

Ziel: Stressreaktionen unterbrechen und Selbstkontrolle stärken.  

3. Gedanken beobachten – „Surfing the Urge“  

Die Methode „Urge Surfing“ (Verlangen-Surfen) hilft, das Auftreten von Verlangen als vorübergehende Welle zu betrachten, anstatt impulsiv darauf zu reagieren.  

Ablauf:  

  1. Verlangen als natürliche, aber nicht zwingende Reaktion anerkennen.  
  2. Sich vorstellen, wie das Verlangen wie eine Welle ansteigt, einen Höhepunkt erreicht und dann langsam wieder abflacht.  
  3. Tief atmen und sich bewusst machen, dass Verlangen nicht ewig anhält.  

Nutzen:  

  • Unterbricht impulsive Reaktionen.  
  • Erhöht die Fähigkeit, schwierige Emotionen auszuhalten, ohne nachzugeben.  

4. Akzeptanz von schwierigen Emotionen  

Anstatt unangenehme Emotionen zu vermeiden, hilft das MBRP-Training, sie bewusst anzunehmen.  

Strategien:  

  • Negative Gefühle nicht als Feinde betrachten, sondern als Teil der Erfahrung.  
  • Sich fragen: „Was brauche ich in diesem Moment wirklich?“ statt impulsiv zu reagieren.  

Ziel: Emotionale Resilienz stärken und alternative Bewältigungsstrategien entwickeln.  

5. Achtsame Routinen entwickeln  

Rückfälle passieren oft, wenn Menschen in alte Gewohnheiten zurückfallen. Achtsamkeit hilft, bewusste, gesunde Rituale zu schaffen:  

  • Morgens: Ein kurzer Moment der Stille oder Meditation, um bewusst in den Tag zu starten.  
  • Während des Tages: Regelmäßige Mini-Pausen, um innezuhalten und den Körper wahrzunehmen.  
  • Abends: Reflektieren, was gut gelaufen ist und was herausfordernd war – ohne Selbstverurteilung.  

Anwendungsbereiche der achtsamkeitsbasierten Rückfallprävention  

1. Suchterkrankungen  

MBRP ist besonders wirksam in der Prävention von Rückfällen bei:  

  • Alkohol- und Drogenabhängigkeit  
  • Essstörungen und emotionalem Essen  
  • Spielsucht oder anderen zwanghaften Verhaltensweisen  

2. Stressbewältigung und Burnout-Prävention  

  • Menschen mit hohem Stresslevel profitieren von achtsamen Techniken, um nicht in destruktive Muster zurückzufallen.  
  • MBRP hilft, emotionale Erschöpfung frühzeitig zu erkennen.  

3. Chronische Schmerzen und Erkrankungen  

  • Viele chronische Schmerzpatienten erleben Phasen der Frustration oder Hilflosigkeit.  
  • Achtsamkeit kann helfen, einen neuen Umgang mit Schmerz und Krankheit zu finden, ohne in depressive oder destruktive Muster zu verfallen.  

Herausforderungen und Grenzen von MBRP  

Erfordert regelmäßige Übung  

Achtsamkeit ist eine Fähigkeit, die trainiert werden muss. Ohne kontinuierliche Anwendung bleibt die Wirkung begrenzt.  

Nicht als alleinige Therapie geeignet  

Besonders bei schweren Suchterkrankungen sollte MBRP mit anderen therapeutischen Maßnahmen kombiniert werden.  

Kritische Momente erfordern zusätzliche Unterstützung  

In akuten Krisensituationen ist Achtsamkeit allein manchmal nicht ausreichend – in solchen Fällen sind soziale Unterstützung oder therapeutische Interventionen notwendig.  

Fazit  

Achtsamkeitsbasiertes Rückfallpräventionstraining ist eine nachhaltige, wissenschaftlich fundierte Methode, um impulsive Reaktionen zu reduzieren und bewusster mit Stress und Verlangen umzugehen.  

Durch Atemtechniken, Körperwahrnehmung, Gedankenbeobachtung und Akzeptanzstrategien können Betroffene langfristig ihre Selbstkontrolle stärken und Rückfälle vermeiden. In Kombination mit anderen Therapieformen bietet MBRP eine wertvolle Unterstützung für Menschen, die sich von alten Verhaltensmustern lösen und neue, gesunde Wege einschlagen möchten.