Emotionsfokussierte Therapie

zurück zur Wiki-Übersicht

Emotionen spielen eine zentrale Rolle in unserem psychischen Wohlbefinden und unserem zwischenmenschlichen Verhalten. Während viele psychotherapeutische Ansätze sich auf kognitive Prozesse und Verhaltensänderungen konzentrieren, stellt die emotionsfokussierte Therapie (EFT, Emotion-Focused Therapy) die Emotionen selbst in den Mittelpunkt.  

Die emotionsfokussierte Therapie wurde in den 1980er-Jahren von Leslie Greenberg entwickelt und basiert auf der Annahme, dass der gesunde Umgang mit Emotionen essenziell für psychische Heilung und persönliche Entwicklung ist. Anstatt Emotionen zu unterdrücken oder zu analysieren, lernen Betroffene in der EFT, sie bewusst zu erleben, zu verstehen und zu transformieren.  

Dieser Ansatz wird besonders bei der Behandlung von Depressionen, Angststörungen, Traumata und Beziehungsproblemen eingesetzt.  

Grundlagen der emotionsfokussierten Therapie  

Was ist emotionsfokussierte Therapie?  

EFT ist eine humanistische und erfahrungsorientierte Psychotherapiemethode, die davon ausgeht, dass Emotionen:  

  • eine zentrale Bedeutung für unser Verhalten und unsere Beziehungen haben,  
  • nicht unterdrückt, sondern bewusst erlebt und genutzt werden sollten,  
  • veränderbar sind, wenn sie richtig verstanden und verarbeitet werden.  

In der Therapie geht es darum, unangenehme oder belastende Emotionen nicht zu vermeiden, sondern sich ihnen aktiv zu stellen, um sie zu regulieren und in positive Veränderungen umzuwandeln.  

Wie entstehen emotionale Probleme?  

Emotionale Schwierigkeiten entstehen oft, wenn:  

  • Emotionen unterdrückt oder vermieden werden  
    • Menschen lernen oft, Emotionen wie Trauer, Wut oder Angst zu verdrängen. Dies führt zu innerer Anspannung und langfristigen psychischen Belastungen.  
  • Emotionen fehlgeleitet oder dysfunktional sind  
    • Manche Emotionen basieren auf alten Erfahrungen und sind nicht mehr hilfreich (z. B. übermäßige Schuldgefühle nach einer vergangenen Beziehung).  
  • Menschen den Umgang mit Emotionen nicht gelernt haben  
    • Viele Menschen wissen nicht, wie sie ihre Gefühle regulieren können, und entwickeln deshalb ungesunde Bewältigungsstrategien wie Rückzug, Wutanfälle oder Suchtverhalten.  

Die EFT hilft dabei, diese Mechanismen zu durchbrechen und einen gesunden, bewussten Zugang zu den eigenen Emotionen zu finden.  

Prinzipien der emotionsfokussierten Therapie  

Die EFT basiert auf drei zentralen Prinzipien:  

1. Emotionen bewusst erleben (Awareness & Acceptance)  

Emotionen müssen zuerst wahrgenommen und akzeptiert werden, bevor sie verändert werden können. Die Therapie hilft dabei, Gefühle ohne Angst oder Bewertung zuzulassen.  

Beispiel: Eine Person, die Angst vor Zurückweisung hat, lernt, ihre Unsicherheit nicht als Schwäche, sondern als ein normales Gefühl zu akzeptieren.  

2. Emotionale Verarbeitung (Emotion Processing)  

Emotionen sind nicht statisch – sie können transformiert werden. Durch gezielte therapeutische Techniken können negative Emotionen neu interpretiert oder durch positive ersetzt werden.  

Beispiel: Ein Mensch mit Schuldgefühlen kann durch die EFT lernen, diese in Selbstmitgefühl und Wachstum umzuwandeln.  

3. Emotionale Ausdruck und Veränderung (Emotion Transformation)  

Veränderte Emotionen beeinflussen Gedanken und Verhalten. Wenn sich emotionale Muster ändern, können auch alte Denkweisen und ungesunde Verhaltensweisen überwunden werden.  

Beispiel: Eine Person, die in der Vergangenheit von Wut kontrolliert wurde, lernt, ihre Emotionen als Kraft für positive Veränderungen zu nutzen, anstatt destruktiv zu handeln.  

Methoden der emotionsfokussierten Therapie  

Die EFT nutzt verschiedene therapeutische Techniken, um Emotionen bewusst zu machen, zu verarbeiten und zu verändern.  

1. Focusing – Die bewusste Wahrnehmung von Emotionen  

  • Der Patient wird dazu angeleitet, sich auf seine aktuellen emotionalen Empfindungen zu konzentrieren.  
  • Durch geführte Aufmerksamkeit wird die Emotion im Körper wahrgenommen (z. B. „Wo spüre ich die Angst?“).  
  • Dies hilft, unbewusste Gefühle ins Bewusstsein zu holen und sie differenzierter zu betrachten.  

2. Stuhltechnik („Chair Work“) – Dialog mit Emotionen  

  • Zwei Stühle werden gegenübergestellt – einer für den Klienten, einer für seine Emotion oder eine innere Stimme.  
  • Der Klient spricht aus einer Perspektive (z. B. „meine Wut“ oder „meine Angst“).  
  • Danach wechselt er den Stuhl und antwortet aus einer anderen Perspektive.  
  • Dies hilft, innere Konflikte zu verstehen und zu lösen.  

Beispiel: Jemand, der sich ständig selbst kritisiert, kann mit seinem „inneren Kritiker“ sprechen, um Verständnis und Selbstakzeptanz zu fördern.  

3. Reframing – Emotionen neu interpretieren  

  • Eine negative Emotion wird aus einem neuen Blickwinkel betrachtet.  
  • Statt eine Angst als Bedrohung zu sehen, kann sie als Warnsignal oder Antrieb für Veränderungen gedeutet werden.  

Beispiel: „Meine Angst vor Fehlern zeigt mir, dass mir meine Arbeit wichtig ist – ich kann sie als Motivation nutzen, statt mich von ihr blockieren zu lassen.“  

4. Körperorientierte Achtsamkeit  

  • Durch Meditation oder Atemtechniken wird die Verbindung zwischen Körper und Emotionen gestärkt.  
  • Emotionale Spannungen, die sich körperlich äußern (z. B. Magenkrämpfe bei Angst), werden bewusst wahrgenommen und reguliert.  

Einsatzgebiete der EFT  

1. Behandlung von Angststörungen und Depressionen  

  • Menschen mit Angst lernen, ihre Gefühle nicht als Bedrohung, sondern als normale Reaktionen zu akzeptieren.  
  • Depressive Menschen können durch den bewussten Ausdruck von Emotionen neue Wege aus der emotionalen Erstarrung finden.  

2. Unterstützung bei Trauma- und Belastungsstörungen  

  • EFT hilft, traumatische Emotionen bewusst zu verarbeiten und ihnen eine neue Bedeutung zu geben.  
  • Anstatt das Trauma zu unterdrücken, lernen Betroffene, es als Teil ihrer Vergangenheit zu akzeptieren, ohne sich von ihm beherrschen zu lassen.  

3. Verbesserung von zwischenmenschlichen Beziehungen  

  • EFT wird häufig in der Paartherapie eingesetzt, um emotionale Barrieren abzubauen.  
  • Partner lernen, ihre Bedürfnisse und Verletzungen klar auszudrücken, ohne in Vorwürfe oder Rückzug zu verfallen.  

4. Selbstwertprobleme und innere Konflikte lösen  

  • Menschen mit geringem Selbstwertgefühl können durch EFT lernen, sich selbst mit mehr Mitgefühl und Verständnis zu begegnen.  
  • Innere Selbstzweifel werden als überwindbare emotionale Muster erkannt.  

Vorteile der emotionsfokussierten Therapie  

  • Fördert tiefgreifende emotionale Veränderungen statt nur oberflächliche Verhaltensanpassungen.  
  • Hilft, belastende Emotionen nachhaltig zu regulieren, ohne sie zu unterdrücken.  
  • Kann mit anderen Therapieformen kombiniert werden (z. B. kognitive Verhaltenstherapie oder Traumatherapie).  
  • Bietet praktische Werkzeuge für den Alltag, um mit emotionalen Herausforderungen umzugehen.  

Herausforderungen und Grenzen der EFT  

  • Nicht jeder kann sofort mit intensiven Emotionen umgehen – für manche Patienten ist eine sanfte Annäherung notwendig.  
  • Erfordert aktives Mitwirken des Patienten, da emotionale Prozesse nicht passiv verändert werden können.  
  • Nicht für alle Krankheitsbilder allein ausreichend – bei schweren psychischen Erkrankungen sollte EFT mit weiteren Therapieansätzen kombiniert werden.  

Fazit  

Die emotionsfokussierte Therapie ist eine effektive, wissenschaftlich fundierte Methode, um emotionale Muster zu erkennen, zu verarbeiten und positiv zu verändern. Sie hilft Menschen, ihre Gefühle nicht als Bedrohung, sondern als wertvolle innere Ressourcen zu verstehen.  

Ob bei Angststörungen, Depressionen, Traumata oder zwischenmenschlichen Konflikten – EFT kann eine tiefgehende Veränderung ermöglichen, indem sie die emotionale Intelligenz und Selbstakzeptanz stärkt. Wer lernt, seine Emotionen bewusst zu erleben und zu regulieren, kann langfristig psychisches Wohlbefinden und stärkere zwischenmenschliche Beziehungen aufbauen.