Focusing ist eine psychotherapeutische Methode, die von Eugene Gendlin, einem Schüler von Carl Rogers, in den 1960er Jahren entwickelt wurde. Sie basiert auf der bewussten Wahrnehmung und Erforschung innerer körperlicher Empfindungen, die mit emotionalen oder kognitiven Prozessen verbunden sind. Ziel des Focusing ist es, durch die Aufmerksamkeit auf den sogenannten „Felt Sense“ (das gefühlte Erleben) verborgene Einsichten und Lösungen für persönliche Probleme zu entdecken.  


Ursprung und Entwicklung  


Eugene Gendlin entwickelte Focusing auf Basis seiner Forschungen an der Universität von Chicago. Er stellte fest, dass erfolgreiche Psychotherapie nicht nur vom therapeutischen Ansatz, sondern stark von der Fähigkeit des Klienten abhängt, innere vage Gefühle wahrzunehmen und ihnen Bedeutung zu geben. Menschen, die diese Fähigkeit besitzen oder erlernen, zeigen nachweislich bessere Fortschritte in der Therapie.  


Focusing wurde als eigenständige Methode etabliert und fand Anwendung in verschiedenen therapeutischen Disziplinen, Coaching und Selbsthilfe. Gendlin veröffentlichte sein Konzept in dem Buch „Focusing – Der Stimme des Körpers folgen“, das weltweit Beachtung fand und vielen Menschen einen leicht zugänglichen Einstieg in die Methode ermöglichte.  


Grundannahmen des Focusing  


Focusing beruht auf mehreren zentralen Annahmen:  

  1. Körperempfindungen als Träger innerer Weisheit: Der Körper speichert Erfahrungen und Probleme auf einer Ebene, die über den bewussten Verstand hinausgeht.  
  2. Felt Sense als Schlüssel zur Veränderung: Dieses unklare, vage Körpergefühl enthält intuitive Informationen, die durch bewusste Aufmerksamkeit entschlüsselt werden können.  
  3. Akzeptierende Haltung: Ein wohlwollendes, nicht wertendes Wahrnehmen innerer Empfindungen führt zu tieferen Einsichten und zur Lösung innerer Konflikte.  
  4. Veränderung geschieht von innen heraus: Statt kognitiver Analyse oder äußerer Einflüsse kommt die Lösung eines Problems aus dem eigenen Erleben.  
  5. Prozess der „inneren Resonanz“: Durch das achtsame Hineinspüren in Körperempfindungen entstehen neue Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten.  


Ziele des Focusing  


Das Hauptziel von Focusing ist es, Zugang zu innerem Wissen zu erhalten, das dem bewussten Denken oft verborgen bleibt. Es ermöglicht:  

  • Klarheit in schwierigen Entscheidungssituationen  
  • Zugang zu verborgenen Emotionen und Bedürfnissen  
  • Verarbeitung belastender Erfahrungen  
  • Förderung von Selbstakzeptanz und Selbstfürsorge  
  • Lösung von inneren Blockaden  
  • Entwicklung neuer Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten  


Der Focusing-Prozess in sechs Schritten  


Eugene Gendlin entwickelte einen strukturierten sechsstufigen Prozess, um den Zugang zu innerem Erleben zu erleichtern:  

  1. Den Raum schaffen: Eine entspannte, offene Haltung einnehmen und Abstand von äußeren Ablenkungen gewinnen.  
  2. Den Felt Sense wahrnehmen: Achtsames Spüren in den Körper, um ein vages, noch nicht klar definiertes Gefühl aufzunehmen.  
  3. Einen passenden Begriff finden: Worte oder Bilder identifizieren, die das innere Gefühl beschreiben (z. B. „Druck“, „Schwere“).  
  4. Resonanz prüfen: Überprüfung, ob die gefundenen Begriffe oder Bilder mit dem inneren Gefühl übereinstimmen.  
  5. Fragen stellen: Fragen wie „Was sagt mir dieses Gefühl?“ oder „Was braucht es?“ helfen, tiefere Einsichten zu gewinnen.  
  6. Annehmen und abschließen: Die neu gewonnenen Erkenntnisse wertschätzen und in das tägliche Leben integrieren.  


Anwendungsbereiche von Focusing  


Focusing findet in einer Vielzahl von Kontexten Anwendung, darunter:  

  • Psychotherapie: Ergänzung zu anderen Methoden zur Vertiefung des emotionalen Erlebens.  
  • Coaching und Persönlichkeitsentwicklung: Unterstützung bei Entscheidungsfindung und Selbstreflexion.  
  • Selbsthilfe: Als Methode zur Stressbewältigung und inneren Klärung im Alltag.  
  • Körperarbeit: Integration in körperorientierte Verfahren wie Yoga oder Achtsamkeitspraxis.  
  • Traumatherapie: Hilfestellung bei der behutsamen Verarbeitung von belastenden Erlebnissen.  
  • Kreativitätsförderung: Unterstützung kreativer Prozesse durch intuitiven Zugang zu innerem Wissen.  


Vorteile von Focusing  


Die Methode bietet zahlreiche Vorteile, darunter:  

  • Leicht erlernbar: Focusing erfordert keine Vorkenntnisse und kann in den Alltag integriert werden.  
  • Ganzheitlicher Ansatz: Verbindung von Körper und Geist für eine tiefere Selbstwahrnehmung.  
  • Selbstbestimmtes Vorgehen: Der Klient bleibt Experte seiner eigenen Erfahrungen.  
  • Fördert emotionale Intelligenz: Besseres Verständnis und Akzeptanz von Gefühlen.  
  • Stressreduktion: Förderung von innerer Ruhe und Gelassenheit.  


Herausforderungen und Grenzen von Focusing  


Trotz seiner Effektivität gibt es einige Herausforderungen und Grenzen:  

  • Schwierigkeit, in den Körper hineinzuspüren: Nicht jeder Mensch hat von Beginn an einen leichten Zugang zu seinem Körpererleben.  
  • Erfordert Geduld: Focusing ist ein Prozess, der Zeit und regelmäßige Übung erfordert.  
  • Nicht geeignet für alle psychischen Erkrankungen: Bei schweren psychischen Störungen oder Traumata ist eine therapeutische Begleitung erforderlich.  
  • Konfrontation mit intensiven Gefühlen: Manche Menschen empfinden den Zugang zu verdrängten Emotionen als herausfordernd.  


Wissenschaftliche Evidenz  


Focusing ist eine empirisch fundierte Methode, die in zahlreichen Studien untersucht wurde. Forschungsergebnisse zeigen, dass:  

  • Die regelmäßige Anwendung von Focusing das emotionale Wohlbefinden steigert und depressive Symptome lindern kann.  
  • Menschen, die Focusing praktizieren, bessere Entscheidungsfähigkeiten entwickeln und sich selbst klarer wahrnehmen.  
  • Die Methode effektiv bei der Verarbeitung von emotionalen Belastungen und Stressreduktion eingesetzt werden kann.  


Focusing in der Praxis  


Focusing kann sowohl in Einzelgesprächen mit einem Therapeuten als auch in Gruppen oder als Selbsthilfemethode praktiziert werden. Viele Menschen integrieren Focusing in ihren Alltag, indem sie regelmäßig kurze „Focusing-Momente“ einplanen, um Klarheit und innere Ruhe zu finden.  


Ein typischer Ablauf einer Focusing-Sitzung könnte folgende Schritte umfassen:  

  1. Eine ruhige Umgebung schaffen und sich auf den Körper konzentrieren.  
  2. Ein inneres, vages Gefühl erfassen und ihm Raum geben.  
  3. Sanft Worte oder Bilder finden, die das Gefühl beschreiben.  
  4. Offen bleiben für neue Impulse und Einsichten.  


Fazit  


Focusing ist eine wertvolle Methode zur Förderung von Selbstwahrnehmung, emotionaler Regulation und innerer Klarheit. Es bietet einen tiefen Zugang zu unbewussten Prozessen und hilft Menschen, ihre inneren Ressourcen zu entdecken und gezielt zu nutzen. Als effektive Ergänzung in Therapie, Coaching und Selbsthilfe ermöglicht es einen sanften, aber wirkungsvollen Weg zur persönlichen Entwicklung und emotionalen Heilung.